Textfeld: Wartezeit
… Ihr rundes Haupt findet eine Auflage auf einer fleischigen Hand, die in Verlängerung wiederum auf einer schwarzen Krücke ruht. Es ist ihm beinahe selbst peinlich, wie er sie so auffällig unauffällig angafft. Ein beachtlich massiger Kopf. Und Oberarme hat sie, setzt er seine Beobachtungen fort, beeindruckend. Seinen Oberschenkeln gleich. Unterhalb von besagten Massen sieht er aus den Augen-winkeln heraus einen weiteren Berg Fleisch. Der passt so gerade zwischen die rund gebogenen, schwarzen Armlehnen aus Metall an ihrem Stuhl. Wenn sie noch länger hier säße, würde sich die Fleischmasse durch die Schwerkraft stärker setzen und unter die Rundbögen rutschen, grinst er in sich hinein. Zu gerne wird er sich den Befreiungsakt der Frau aus ihrem Gefängnisstuhl anschauen. Die Gelegenheit dazu bekommt er gewiss. Bei diesem Arzt bringt ihm sein Privatpatientenstatus keine bevorzugte Behandlung. Er hat zu warten. Wie die anderen um ihn herum. Jedoch einen alles entscheidenden Vorteil haben die ihm gegenüber: Sie werden das Wartezimmer sämtlich vor ihm verlassen....
Textfeld: Ferienende
...Die Stimmung bei Viktor, Insa, Melanie und Mo hingegen ist unbeschwert und ausgelassen. Immer wieder necken sie einander. Sie haben es geschafft! Nach mehreren Wochen der Ungewissheit rückt das Ziel ihrer gemeinsamen Ferien immer näher. Es hat viel Überredungskunst bedurft, alle Eltern von der Notwendigkeit der gemeinschaftlichen Unternehmung zu überzeugen. Zuletzt waren es die von Insa. Sie hätten beinahe das Vorhaben kaputt gemacht. Aus Sorge um ihre Tochter. Natürlich. Was waren das für Spießer. Dabei wollen die vier nur auf einem Zeltplatz an der Nordsee ein paar Tage chillen. Sie sind schließlich erwachsen. Nicht alle volljährig, aber was spielt das für eine Rolle? Die wenigen Monate! Viktor wollte seinen neunzehnten Geburtstag mit ihnen zusammen verbringen. Insa und Melanie waren gleichaltrig...
Textfeld: Waldfruchtmarmelade
...Anstatt zwei Straßen weiter am Imbisswagen bei der fettigen und fetten Doris mit den dicken Titten zu stehen. Sie folgte mit ihrem Verkaufsstand regelmäßig den Männern zu den großen Baustellen der Stadt. Seine Kollegen, die hatten beides - die Titten und die Currywurst. Sollte er sich bei Doris mit seinem Henkelmann in der Hand anstellen? Um ein pappiges Brötchen zur Suppe betteln? Für eine Wurst reichte sein Taschengeld nicht. Das brauchte er für seinen Freund und einen Kasten mit Spiel 77 bei Franz. Jeden Freitag, nach der Arbeit. Mehr Traum hatte Jens nicht rüberretten können über die Jahre. Einmal das große Geld. Und dann Currywurst bis zum Abwinken. Den Henkelmann in die Baugrube geworfen und sich die Titten von Doris rausgeholt. Überhaupt würde er sich alles nehmen. Unsanft wurde Jens von Rita aus seinem Tagtraum geweckt. Sie hatte die Brote geschmiert und ihm die Stullendose auf den Tisch geknallt. Alltäglich. Brote mit billiger Margarine und Waldfruchtmarmelade von Aldi. ...

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Textfeld: Herbstzeitlose
In ihrer Farbvielfalt keiner noch so üppigen Sommerblumenwiese nachstehend. Selbst der gut sortierte Sprachschatz reicht nicht, alle Schattierungen annähernd zutreffend zu beschreiben. Menschen mit offenen Augen empfinden Freude und Bereicherung. An sonnengefluteten Tagen. Wenn nicht der Nebel die Farben aufzehrt. Abseits der Verkehre neue Melodien für empfängliche Ohren. Schon etwas Wind entlockt Bäumen, Sträuchern oder Hecken stimmungsvolle Sequenzen. Meeresrauschen gleich. Brandung. Je nach Dramaturgie des Herbstes, entspannend für die Zuhörer oder bedrohlich wirkend. Wenn der ehedem leichtfüßige Waldspaziergang durch plötzlich aufkommende Böen und einsetzende Dunkelheit, Erinnerungen an die Geschichten der vor­lesenden Omama lebendig werden lässt. Als der Enkelin die Bedeutung der Buchstaben verborgen, die Stimmen der Blätter und des Windes schon in Erinnerung blieben. Heute blickt Sie auf eine große Kastanie im Herbst.

Begleiten Sie Annegret auf ihrem Weg.